Fußball vs. Counter-Strike: Ist eSport massentauglich?
Fußball ist wohl ohne Zweifel die populärste Sportart Europas, wenn nicht der ganzen Welt. Viele Verfechter des eSport träumen davon, dass ihr Hobby einmal ebenso beliebt sein wird.
Ich werde in diesem Artikel anhand von neun Kriterien herausarbeiten warum gerade Fußball so erfolgreich ist und wie der Vorzeige-eSport-Titel Counter-Strike im Vergleich zu diesem weltweiten Massenphänomen abschneidet. Diese neun Kriterien sind:
1. Regeln
Die Regeln einer Sportart sollten innerhalb von 5 Minuten erklärt und auch verstanden werden. Im Idealfall greift hier das Prinzip „easy to learn, hard to master”. Das die Fußballregeln recht simple und schnell erklärt sind wird wohl niemand bezweifeln (mit Ausnahme der Abseitsregel, aber damit haben eigentlich auch nur Frauen ein Problem). CS schneidet hier im direkten Vergleich zum Fußball recht gut ab, weil die Grundregeln ebenfalls sehr flott erklärt sind. Allerdings gibt es bei PC und Videospielen neben dem offensichtlichen Regelwerk auch noch ein zweites, verstecktes Regelwerk das vielen unter dem Begriff “Spielmechanik” bekannt ist. In der Spielmechanik ist genauestens festgelegt wieviel Geld bei einem Rundengewinn ausgeschüttet wird, wieviel Schaden eine AK-47 auf welche Distanz anrichtet, oder wie stark diese Waffe bei dauerfeuer verzieht. In der Realität entspricht die Spielmechanik in etwa den physikalischen Grundregeln, die beeinflussen wie weit ein Ball fliegt, wenn man mit einer gewissen Kraft dagegen tritt. Durch unseren alltäglichen Umgang mit der phsykalischen Realität werden wir mit der “Spielmachanik” eines Balls sehr schnell vertraut. In praktisch jedem eSport Titel muss diese aber von Grund auf neu gelernt werden und dies erklärt auch warum sich ein CS:S anders “anfühlt” als ein CS 1.6.
2. Chancengleichheit
In einem Wettkampf sollten alle Sportler vergleichbare Chancen auf den Sieg haben. Um dies zu gewährleisten sind meist zusätzliche Mechanismen wie Ligen, Alters-, Gewichts-, oder Motorklassen notwendig. Alle Sportler sollten mit gleichem Material ausgestattet sein. Das Ergebnis sollte weder von Glück noch von Zufall abhängig sein, so dass am Ende der Bessere gewinnt.
Dank eines sehr gut organisierten Ligasystems wie z.B. bei der ESL ist Counter-Strike hier schon sehr nah am Fußball dran. Was das vergleichbare „Sportmaterial” angeht, kann es in Counter-Strike schon einmal spielbedingt vorkommen, dass Spieler mit schlechterer Bewaffnung gegen Spieler mit besserer Bewaffnung antreten. Hier ist ein gutes Balancing notwendig, das dafür sorgt, dass ein Spieler mit einer Pistole auch mal einen Spieler mit einem Sturmgewehr besiegen kann. Ebenfalls positiv an CS ist, dass ein Spieler durch strategische Entscheidungen wie dem „sparen” schnell wieder Chancengleichheit herstellen können.
3. Übersicht
Die Zuschauer sollten das „Spielfeld” idealerweise komplett überblicken können. Sportarten verlieren stark an Reiz wenn wichtige Entscheidungen außerhalb des Blickfelds der Zuschauer fallen.
Hier muss sich CS zum ersten Mal dem Fußball klar geschlagen geben. CS besitzt nämlich gleich mehrere „Spielfelder” die sich allesamt so stark unterscheiden. Zuschauern die die Maps nicht auswendig kennen fällt es dabei extrem schwer die Orientierung zu behalten. Zudem spielt Fußball auf einem Flachen „2D” Spielfeld ohne Hindernisse auf dem ein Zuschauer die Aktionen eines jeden Spielers verfolgen kann. CS spielt in einer komplexen „3D” Umgebung in der auch die Höhe eine Rolle spielt. Durch die Maparchitektur ist es für das Publikum meistens unmöglich alle Spieler im Blick zu haben, die Wahrscheinlichkeit wichtige Aktionen zu verpassen ist daher hoch.
Zwar gibt es auch in Counter-Strike die Möglichkeit durch Programme wie HLTV oder dem Matchanalyzer von VOIPlay das Gesamtgeschehen auf einer strategischen Übersichtskarte zu verfolgen, diese Darstellung basiert aber auf einfachen Piktogrammen und ist auf Dauer wenig spannend. Der Zuschauer muss sich als immer wieder aufs Neue zwischen spannender, aber unübersichtlicher 3D-Darstellung und informartiver aber langweiliger Übersichtskarte entscheiden.
4. Fokussierung
Die „Action” sollte nach Möglichkeit nur an einer Stelle statt finden um die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer nicht zu überfordern.
Beim Fußball und bei anderen Ballsportarten ist immer der Ball der Mittelpunkt des Geschehens. Wo der Ball gerade nicht ist, passiert auch selten etwas spielentscheidendes. Dem Zuschauer fällt es sehr leicht dem Spielverlauf zu folgen, indem er einfach den Ball Fokussiert.
Man stelle sich nun einmal vor, beim Fußball hätte jeder seinen eigenen Ball. Das Publikum könnte sich unmöglich auf alle Spieler gleichzeitig konzentrieren und das Spiel würde sehr chaotisch wirken. Dieses Problem hat CS weil hier die Action nicht immer nur an einer Stelle stattfindet sondern oft an mehreren Stellen auf dem Spielfeld gleichzeitig.
5. Nachvollziehbarkeit
Der Zuschauer sollte ohne großes Expertenwissen selber erkennen können wer gerade gewinnt und warum.
Beim Fußball ist auch dies sehr einfach, wer den Ball häufiger ins gegnerische Tor befördert gewinnt. Sportarten die eine Jury erfordern sind hier klar im Nachteil. Beim Turniertanzen fällt es einem Laien oft schwer zu unterscheiden, welche Mannschaft aus welchen Gründen besser war. Ähnliches gilt auch fürs Turmspringen: Warum war der gehockte doppelte Auerbach jetzt besser als der dreifach Rückwärtssalto mit Schraube, oder mein letzter Flachköpper im Freibad?
Unter den Aspekt der Nachvollziehbarkeit des Geschehens fällt auch, dass man die Spieler gegnerischer Mannschaften voneinander unterscheiden kann. Beim Fußball wird dies durch die Trikots gewährleistet. Bei Counter-Strike fällt es unerfahrenen Zuschauern schwer zu unterscheiden welche Figur nun zu den Terroristen und welche zur Anti-Terroreinheit gehört. Für Turnierübertragungen wird der Trikot-Effekt daher imitiert indem für T´s und CT´s unterschiedliche Models mit klar unterscheidbarer Farbgebung verwendet werden.
6. Identifikation
Sportarten leben von ihren Idolen. Große Namen wie Muhammad Ali, Tiger Woods, Michael Jordan, Michael Schumacher oder Ronaldinho sorgen oft dafür das sich Menschen mit Sportarten beschäftigen die sie sonst nicht interessieren würden. Durch die Stars bekommt eine Sportart ein Gesicht.
Durch die Identifikation werden Zuschauer zu Fans. Fußball bietet seinen Fans gleich mehre Identifikationsebenen. So kann man sich mit einem bestimmten Spieler ganz besonders identifizieren, ebenso ist es möglich ganze Mannschaften die Treue zu halten unabhängig davon wer dort gerade Spielt. Nicht zu Unterschätzen ist auch die regionale Identifikation. Fußballvereine sind immer mit einer bestimmten Stadt verknüpft. So ist es sehr wahrscheinlich, dass viele Menschen zu einem Verein halten, der aus ihrer Umgebung stammt. Umgekehrt werden sich vermutlich recht wenige Bayern-Fans in Dortmund finden lassen. Regionale Identifikation lässt sich auch sehr leicht ausweiten. In der Champions League halten fast alle zu deutschen Vereinen, auch wenn sie sonst kein Fan davon sind und bei Länderspielen ist jeder automatisch Deutschlandfan.
Identifikation schafft eine emotionale Bindung zu einer Sportart, für den Erfolg einer Sportart ist es daher wichtig das es jemanden gibt, den man bewundern und anfeuern kann und mit dem man mitfiebert.
Counter-Strike bietet auf Spieler und Teamebene bereits einige Identifikationsmöglichkeiten.
Da die meisten Teams aber nicht regional verankert sind, fehlt hier allerdings auch eine wichtige Identifikationsebene. Allerdings ist hier seit einiger Zeit ein neuer Trend zu erkennen. Immer mehr Teams fokussieren sich auf eine Region oder sogar Stadt. mTw hat ein (fast) rein hamburgerisches CS-Team, Mousesports zieht den Großteil seines Teams wieder in Berlin zusammen und n!faculty hat in Köln sogar ein eigenes Vereinsheim eröffnet.
Als Positivbeispiel für den eSport muss hier ebenfalls noch, wie so oft, Südkorea genannt werden, wo eSportler, allen voran die Starcraft-Spieler, wie Popstars gefeiert werden.
7. Teamsport vs. Einzelsport
Wie oben bereits erwähnt sind Teamsportarten schon alleine deshalb interessanter weil sie dem Zuschauer mehr Identifikationsmöglichkeiten bieten und damit schneller eine emotionale Bindung erreichen. In Einzelsportarten ist es aber auch sehr leicht möglich, dass ein Topathlet die gesamte Konkurrenz komplett dominiert. Dies ist für die meisten Zuschauer nicht gerade besonders spannend. In Teamsportarten ist der Erfolg immer in gewisser Weise abhängig von der gesamten Mannschaftsleistung. In Mannschaftssportarten ist jeder Spieler mal besser und mal schlechter in Form. Die Varianz der Gesamtleistung ist daher höher und es wird schwieriger vorauszusagen, wer einen Wettkampf gewinnt. In einer spannenden Sportart sollte ein einzelner Spieler seine Mannschaft zwar sehr stark positiv beeinflussen können, ein Spiel aber niemals im Alleingang gewinnen können. Hier sehe ich Fußball und CS auf Augenhöhe.
8. Eigene Erfahrung
Sportarten die man schon einmal selber ausgeübt hat oder noch aktiv ausübt sind immer besonders faszinierend. Durch die eigene Erfahrung kann man sehr gut einschätzen, wo die Schwierigkeit einer Sportart liegt und besondere Leistungen besser einordnen. Jeder der schon einmal gegen einen Fußball getreten hat weiß, wie schwierig es sein kann aus nur elf Metern Entfernung ein sehr großes Tor zu treffen, besonders wenn andere Spieler noch versuchen einen daran zu hindern.
Je niedriger die Zugangshürden zu einer Sportart sind, desto mehr Leute können sie einmal ausprobieren und desto massentauglicher wird der Sport. Dies erklärt warum „Luxussportarten” wie Reiten, Segeln, oder Golfen in der breiten Masse nicht viele Fans finden.
Hier liegt eines der größten Probleme das alle eSport-Titel teilen, die die Zugangshürden zu diesen Sportarten sind recht hoch. So benötigt man nicht nur die entsprechende Hardware sonder auch ein gewisses technisches Verständnis um das Spiel zu installieren und zu starten, zudem lässt sich das „Sportgerät” PC nur schlecht transportieren und ist abhängig von Strom und Internetversorgung, so dass Wettkämpfe auch nur schwer unter freiem Himmel stattfinden können.
9. Eventtauglichkeit
Zuletzt möchte ich darauf hinweisen das Sportarten besonders erfolgreich sind, wenn man sie als Event inszenieren kann. Ein Event liegt immer dann vor, wenn viele Menschen zusammen kommen um ein Ereignis gemeinsam zu verfolgen. Der einzelne Fan wird so ein Teil einer großen Masse Gleichgesinnter, was ihm ein einmaliges Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Stärke vermittelt.
Alle Sportarten die sich in großen Stadien austragen lassen profitieren von diesem Eventbonus.
Counter-Strike hat in dieser Hinsicht sehr stark zum Fußball aufgeholt. Große Turniere und regelmäßige Veranstaltungen wie die Intel Friday Night Games führen Counter-Strike aus der Anonymität des Internets heraus und machen das Spiel für jeden Interessierten öffentlich erlebbar.
Hier hat auch der ESWC als jährliches Großereignisse wichtige Arbeit geleistet und Counter-Strike in eine neue Dimension als Zuschauersport gehoben. Das letztjährige Finale zwischen NoA und PGS wurde live Vorort von über 3000 begeisterten Fans in einer unglaublichen Atmosphäre verfolgt.
Fazit:
Anhand der oben aufgeführten Punkte lässt sich jede Sportart, egal ob physisch oder elektronisch, auf ihre Massentauglichkeit hin untersuchen. Hier zeigt sich dann aber auch schnell wo die Grenzen selbst eines großen eSport-Titels wie Counter-Strike, auf dem Weg zum Volkssport liegen.
Doch auch wenn Counter-Strike wohl niemals so erfolgreich sein wird wie Fußball, so ist es doch bereits jetzt schon in vielen Punkten besser als so manche konventionelle Sportart.
Während viele alt bekannte Sportarten Schwierigkeiten haben neue Fans zu gewinnen, hat der eSport noch große Wachstumsmöglichkeiten. Zum Einen nimmt die Verbreitung internetfähiger PCs auf denen Titel wie CS lauffähig sind stetig zu, zum Andren wächst damit auch die Massen an Menschen die schon einmal eigene Erfahrungen mit eSport-Titeln gesammelt haben und sich daher besser mit diesen Sportarten identifizieren können.
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